Warum Verwaltungsräte eine bewusste KI-Ausrichtung brauchen
IT war gestern Fussnote. KI ist heute Traktandum.
Wissenschaftliche Studien belegen: Informationstechnologie erhielt in Verwaltungsratssitzungen über Jahrzehnte hinweg kaum Aufmerksamkeit. Das Thema wurde an die IT-Abteilung delegiert. Der Verwaltungsrat kümmerte sich um Strategie, Finanzen, Compliance.
Mit KI funktioniert dieses Modell nicht mehr. KI verändert Geschäftsmodelle, Kostenstrukturen und Wettbewerbsdynamik. Sie erzeugt neue Haftungsrisiken. Und sie erfordert Entscheide, die das gesamte Unternehmen betreffen.
Prof. Dr. Georg Guttmann, Direktor der Verwaltungsratsprogramme an der Executive School der Universität St. Gallen (ES-HSG), bringt es auf den Punkt: Der Verwaltungsrat braucht eine bewusste KI-Ausrichtung. Ohne sie bleiben Chancen ungenutzt und Risiken unkontrolliert.
Was «bewusste KI-Ausrichtung» konkret bedeutet
Der Begriff stammt aus einem vielbeachteten Beitrag von Guttmann, der sich auf die Forschung von Shin und You (2021) in der renommierten Fachzeitschrift MIS Quarterly stützt. Die Studie untersucht, wie Verwaltungsräte die strategische Richtung von KI im Unternehmen aktiv beeinflussen können.
Drei Elemente definieren eine bewusste KI-Ausrichtung:
- Governance-Mechanismen: Klare Verantwortlichkeitsstrukturen für Entwicklung, Implementierung und Überwachung von KI-Systemen. Nicht als IT-Projekt, sondern als Führungsaufgabe.
- KI-Expertise im Gremium: Der Verwaltungsrat benötigt fundamentale KI-Kompetenz, um die richtigen Fragen zu stellen. Nicht jedes Mitglied muss Algorithmen verstehen. Aber das Gremium als Ganzes muss beurteilen können, welche KI-Entscheide materiell sind.
- Agenda-Priorität: KI braucht regelmässig Platz in der dicht getakteten VR-Agenda. Einmal jährlich reicht nicht. Die Dynamik der Technologie verlangt quartalsweise Berichterstattung.
Drei Hebel: Lenkung, Überwachung, Risikominderung
Die Forschung identifiziert drei zentrale Handlungsfelder für Verwaltungsräte:
Lenkung
Der Verwaltungsrat gibt die strategische Richtung vor. Er entscheidet, ob KI als Effizienzwerkzeug, als Innovationstreiber oder als beides eingesetzt wird. Diese Richtungsentscheidung kann nicht an die Geschäftsleitung delegiert werden.
Überwachung
KI-Systeme können durch Voreingenommenheit in Daten oder algorithmische Fehler unbeabsichtigte Folgen erzeugen. Der Verwaltungsrat muss sicherstellen, dass Kontrollen und Überprüfungsmechanismen vorhanden sind. Das Ziel: KI-Systeme, die transparent, fair und rechenschaftspflichtig arbeiten.
Risikominderung
Die unübertragbare Oberaufsicht (Art. 716a OR) kennt keine Ausnahme für technologische Komplexität. Wer KI-Governance an die IT delegiert und keine weiteren Fragen stellt, erfüllt seine Sorgfaltspflicht nicht.
Was Verwaltungsräte heute tun können
Schritt 1: KI-Inventar erstellen.
Welche KI-Systeme laufen im Unternehmen? Wer nutzt welche Tools mit welchen Daten? Die meisten Verwaltungsräte können diese Frage heute nicht beantworten. Ein strukturiertes KI-Audit schafft die Grundlage.
Schritt 2: Verantwortlichkeitsstruktur definieren.
Wer berichtet dem Verwaltungsrat über KI? Welche Entscheide sind VR-pflichtig, welche operativ? Ein klares Framework verhindert, dass KI-Governance im Niemandsland zwischen IT und Geschäftsleitung versandet.
Schritt 3: KI auf die Agenda setzen.
Mindestens quartalsweise. Mit einem strukturierten Bericht der Geschäftsleitung. Nicht als Informationspunkt, sondern als Diskussionstraktandum mit Entscheidkompetenz.
Fazit
Die Forschung ist eindeutig: Verwaltungsräte, die KI aktiv steuern, schaffen bessere Voraussetzungen für den Unternehmenserfolg. Wer das Thema ignoriert oder delegiert, setzt sich unnötigen Haftungsrisiken aus.
Bewusste KI-Ausrichtung ist keine Option. Sie ist eine Pflicht. Und sie beginnt mit dem Entscheid, KI als strategisches VR-Thema zu behandeln.
Quellen:
- Guttmann, G. (2024). Künstliche Intelligenz verändert den Verwaltungsrat und die HR-Praxis. Executive School der Universität St. Gallen (ES-HSG). Erstveröffentlichung in HR Today, Ausgabe 2/2024.
- Shin, T. & You, J. (2021). Strategic Directions for AI: The Role of CIOs and Boards of Directors. MIS Quarterly, 45(3), 1603–1643.
Marco Quinter ist KI-Governance-Berater und Verwaltungsrat. Er unterstützt Schweizer VR-Gremien bei der strukturellen Implementierung von KI-Governance-Rahmenwerken.