Geschäftsmodell-Disruption durch KI: Was der Verwaltungsrat wissen muss
Das Tempo des Wandels ist das eigentliche Risiko
Verwaltungsräte sind es gewohnt, Geschäftsmodell-Risiken im Rahmen von drei- bis fünfjährigen Strategiezyklen zu beurteilen. Technologische Disruption durch KI folgt diesem Rhythmus nicht.
ChatGPT erreichte 100 Millionen Nutzer in zwei Monaten. Das dauerte bei Netflix 3,5 Jahre, bei Facebook 4,5 Jahre. Für Verwaltungsräte bedeutet das: Bis ein Geschäftsmodell-Risiko in den regulären Strategieprozess einfliesst, kann der Markt bereits anders aussehen.
Die Frage ist nicht «Ob» KI das Wettbewerbsumfeld eines Unternehmens verändert. Sie ist «Wann» — und ob das Gremium rechtzeitig handelt.
Die drei Angriffsrichtungen auf Geschäftsmodelle
KI verändert Geschäftsmodelle nicht gleichförmig. Es gibt drei unterschiedliche Dynamiken, von denen jede eine andere Reaktion erfordert:
1. Kostenstruktur-Disruption
KI ermöglicht Wettbewerbern, Dienstleistungen mit einem Bruchteil der bisher notwendigen Personalkapazität zu erbringen. Unternehmen, die stark auf wiederholbare Wissensarbeit setzen — Beratungsdienstleistungen, Rechtsberatung, Buchhaltung, Marktforschung — sind besonders exponiert.
Die Konsequenz: Günstigere Anbieter können mit KI-Unterstützung qualitativ vergleichbare Outputs liefern. Traditionelle Skalenvorteile werden durch KI-Skalierung teilweise aufgehoben.
2. Substitutions-Disruption
Manche Produkte und Dienstleistungen werden durch KI nicht nur günstiger, sondern vollständig ersetzt. Ein Textübersetzungsbüro konkurriert nicht mehr mit anderen Büros, sondern mit DeepL und ChatGPT. Die Frage ist nicht «Wer bietet das günstiger an?» — sondern «Braucht es diesen Service überhaupt noch in dieser Form?»
Für Verwaltungsräte ist die kritische Frage: Welcher Anteil unseres Umsatzes basiert auf Tätigkeiten, die substituierbar sind?
3. Neue-Marktteilnehmer-Disruption
KI senkt Markteintrittsbarrieren. Ein Fintech-Startup mit zwei Dutzend Mitarbeitenden kann heute Kredite analysieren und vergeben, wofür traditionelle Banken hunderte von Analysten benötigten. Ein Medizintechnik-Unternehmen kann Bilddiagnosen anbieten, die früher Spezialisten vorbehalten waren.
Das Risiko ist nicht nur, dass bestehende Wettbewerber stärker werden. Es sind die Wettbewerber, die es heute noch nicht gibt — aber die in 24 Monaten existieren werden.
Was «KI-Resilienz» für ein Geschäftsmodell bedeutet
Ein Geschäftsmodell ist dann KI-resilient, wenn es strukturelle Schutzfaktoren hat, die durch KI-Einsatz von Wettbewerbern nicht einfach erodiert werden können. Diese Schutzfaktoren sind:
Regulatorische Bindung: Stark regulierte Märkte bieten Schutz, weil neue KI-gestützte Marktteilnehmer die gleichen regulatorischen Hürden nehmen müssen. Der Vorteil ist zeitlich begrenzt, aber real.
Vertrauens- und Beziehungskapital: Persönliche Beziehungen zu Kunden, langjährige Vertrauensverhältnisse und Netzwerke lassen sich nicht automatisieren. Unternehmen mit starken Kundenbindungen sind weniger exponiert als transaktionale Anbieter.
Proprietäre Daten: Unternehmen, die über Daten verfügen, die kein Wettbewerber hat, können KI zu ihrem eigenen Vorteil einsetzen — und schaffen damit eine Barriere.
Physische oder geografische Komplexität: Installationen, Wartung, lokale Präsenz — Tätigkeiten, die physische Präsenz erfordern, sind durch rein digitale KI-Angebote schwerer zu substituieren.
Die VR-Perspektive: Was jetzt auf die Traktandenliste gehört
Disruptions-Analyse ist typischerweise eine Aufgabe des Top-Managements oder externer Strategieberater. Aber der Verwaltungsrat hat eine unabhängige Verantwortung, sicherzustellen, dass diese Analyse stattfindet und in Entscheide einfliesst.
Traktandum 1: Verwundbarkeits-Audit
Eine strukturierte Analyse, welche Teile des aktuellen Geschäftsmodells durch KI substituierbar, und welche strukturell geschützt sind. Nicht als theoretische Übung — sondern mit konkreten Zahlen (Umsatzanteil, Margenanteil der exponierten Segmente).
Traktandum 2: Zeithorizont-Szenarien
Was passiert, wenn ein KI-gestützter Wettbewerber in 12 Monaten, in 24 Monaten, in 36 Monaten 15 Prozent günstiger anbieten kann? Welche strategischen Optionen existieren? Gibt es Gegenmassnahmen, die heute ergriffen werden können?
Traktandum 3: Investitionsentscheide priorisieren
Wo sollte das Unternehmen KI aktiv einsetzen, um selbst Effizienzvorteile zu realisieren? Wo sind Abwehrmassnahmen (Kundenbindung, Differenzierung) sinnvoller als Automatisierung?
Das Fazit
Geschäftsmodell-Disruption durch KI ist kein hypothetisches Zukunftsszenario. Sie findet statt — branchenabhängig in unterschiedlichem Tempo. Für Verwaltungsräte bedeutet das eine konkrete Aufsichtspflicht: Sicherzustellen, dass das Management diese Dynamiken analysiert und Szenarien entwickelt, bevor sie zur Notfallsituation werden.
Ein Verwaltungsrat, der erst reagiert, wenn der Marktanteil sinkt, hat zu spät gehandelt. Die Frage ist, ob das Gremium die Kapazität entwickelt, diese Dynamiken proaktiv zu erkennen — und die Geschäftsleitung dabei zu unterstützen, rechtzeitig die richtigen Entscheide zu treffen.
Dieser Artikel basiert auf dem Whitepaper «KI-Governance für Verwaltungsräte» von Marco Quinter (2026). Quinter berät Schweizer VR-Gremien bei strategischen KI-Entscheiden.